1933 bis 1945

Kreuzberg als Arbeiterbezirk wurde von der Weltwirtschaftskrise mit der folgenden Massenarbeitslosigkeit besonders schwer getroffen. Im Januar 1933 lag die Arbeitslosenquote in Kreuzberg bei 34%. Bei den Jugendlichen sah es noch schlimmer aus. Hier lag die Arbeitslosenquote sogar bei 50%.
1933 wurde zwar die NSDAP auch in Kreuzberg die stärkste Partei. Jedoch bildete sich der Widerstand gegen die Naziherrschaft vor allem da, wo es schon eine gewachsene Arbeiterkultur gab. Also bevorzugt in sogenannten Arbeitervierteln, wie es auch Kreuzberg einer war.
Kreuzberg war ein politisch gefestigter Bezirk. Hier erhielten die ‚roten‘ Parteien zusammen 50 ~ 60% der Stimmen.

1928 1933
SPD 35,5 22,9
KPD 25,15 27,0
NSDAP 1,7 32,8
Wahlergebnisse in Kreuzberg

Wahlergebnisse in Kreuzberg

Juden im Wrangelkiez

Die meisten Juden Kreuzbergs waren rund um das Kottbusser Tor und die Oranienstraße ansässig. Im Wrangelkiez wurde bevorzugt die Bevernstraße von Juden bewohnt. Aber auch in der Cuvrystraße (Hausnr. 26 und 27), sowie Görlitzer Str. 43 und Wrangelstr. 56 gab es  jüdischen Grundbesitz.
In der Köpenicker Str. 174 praktizierte der jüdische Kinderarzt Dr. med Robert Lesser. Im November 1936 wurde ihm von den Nazis die Kassenpraxis entzogen.
Der jüdische Zahnarzt Dr. Herbert Schwalbe praktizierte Schlesische Str. 29/30. Er emigrierte nach Persien und später in die USA.
Das Schicksal des jüdischen Zahnarztes Dr. Erich Schutzer, der in der Köpenicker Str. 10a praktizierte, ist leider unbekannt.

Am 1.April 1933 wurde der Zutritt zu den jüdischen Geschäften und Einrichtungen von SA-Truppen verwehrt und öffentlich zum Boykott aufgerufen. Bei dem Boykott blieb es nicht, später wurden diese Geschäfte enteignet.
Ärzte, Rechtsanwälte und Notare wurden ebenfalls boykottiert. Die Inhaber jüdischer Geschäfte und Fabriken wurden zum Verkauf ihres Eigentums gezwungen. Der Erlös bei solch einem Verkauf lag dabei weit unter dem wirklichen Wert der Einrichtungen.
Die Fabriken, Geschäfte, Banken und Verlage wurden auf diese, oftmals sehr brutale, Weise „arisiert“.

Die Arbeiterbewegung

Die Arbeiterbewegung entwickelte starke Organisationen, die fast alle Lebensbereiche mit einschloss. Auch die Freizeit verbrachten die Arbeiter ofmals miteinander in Sportvereinen und Kneipen.
Der Nachwuchs wurde ebenfalls mit eingebunden. Es gab Jugendgruppen, Bibliotheken, Aktionen und Schulungen.

Die Kneipe hatte eine zentrale Bedeutung. In ihren Hinterzimmern versammelten sich die Partei- und Gewerkschaftsgremien. Sie war der Ort der Kommunikation und bot die Möglichkeit der (gemeinsamen) Freizeitgestaltung. Das alles stärkte die Zusammengehörigkeit ungemein.
Um diese Zusammengehörigkeit der Arbeiterbewegung zu zersetzen, eröffneten die Nazis eigene Kneipen – sogenannte „Sturmlokale“. Meistens lagen sie gegenüber von Arbeiterkneipen.
In diesen Sturmlokalen organisierten die Nazis Propagandamärsche und Überfälle auf Versammlungen der Arbeiter sowie deren Kneipen.
Nach der Machtergreifung der Nazis wurden die meisten Arbeiterkneipen von der SA besetzt oder geschlossen.

Orte des Widerstands

Einrichtungen:

  • Schlesische Straße 36a     Lindström AG – Betriebszellen der KPD + SPD
  • Görlitzer Ufer (heutige Fichtelgebiergeschule)     Arbeitersportverein Fichte
  • Wrangelstr. 56     Volksküche der KPD

Wohnort bekannter Widerstandskämpfer:

  • Oppelner Str. 44     Willi Sänger Leiter der Leichathletikabteilung des Vereins „Fichte“ wurde 1944 hingerichtet.
  • Sorauer Str. 21     Erich Kierstein, Mitglied im Roten Stoßtrupp, wurde im November 33 der Prozess gemacht.
  • Wrangelstr. 65     Franz Krüger, Mitglied im Roten Stoßtrupp wurde im November 33 der Prozess gemacht.

Kneipen

  • Cuvrystr. 23     SPD-Kneipe Eichler
  • Görlitzer Ufer Ecke Görlitzer Str.     KPD-Kneipe
  • Görlitzer Str.50     SPD-Kneipe von der viele Aktionen gegen die SA-Kneipe in der Wiener Str. starten
  • Görlitzer Str.52     „Bei Burkhard“ Fichte Vereinslokal bis 1933
  • Görlitzer Str. Ecke Sorauer Str.     „Bei Helmuth“ Rot-Frontkämpfer-Bund-Lokal
  • Görlitzer Str.7a     KPD-Kneipe
  • Schlesisches Tor/U-Bahnhof     Bahnhofskneipe „Torwache“ SPD-Kneipe
  • Wrangelstr. 69     KPD-Kneipe

weitere Orte des Widerstands

  • Cuvrystr.     Hier werden 1932 SA-Leute angegriffen.
    Am 25.Februar 1933 gibt es eine Schießerei mit Nazis. Es gibt 2 Tote.
    Bis 1933 hängen hier viele rote Fahnen.

Der kommunistische Sportverein „Fichte“

Der kommunistische Sportverein „Fichte“ hatte 1930 in Kreuzberg 1 200 Mitglieder (10 000 in ganz Berlin).
Der Sportverein „Fichte“ spielte eine wichtige Rolle im Widerstand. Er war der größte Arbeitersportverein ganz Berlins.
Ganze Familien verbrachten ihre Wochenenden mit sportlichen Aktivitäten, Kinderfesten, Wanderungen und gemeinsamen Unternehmungen, die vom Verein ausgerichtet wurden.

Eine interne Unstimmigkeit erleichterte den Nazis 1933 die Zerschlagung des Vereins.
Aus dem von den Nazis eroberten Vereinslokal wurde ein Sturmlokal. Die Sportler wurden verhaftet und misshandelt.

Naziterror und Widerstand : Ereignisse und Ort im Wrangelkiez und Umgebung

Naziterror und Widerstand : Ereignisse und Ort im Wrangelkiez und Umgebung

Exkurs:

Bekannte Widerstandskämpfer in Kreuzberg (Wrangelkiez) zur Zeit der Naziherrschaft in Deutschland

Wilhelm Leuschner
Er war Gewerkschaftsfunktionär und bis 1933 hessischer Innenminister. Als er nach Berlin übersiedelte, kaufte er eine Fabrik in der Eisenbahnstraße 5. Diese Fabrik, die Bierzapfhähne produzierte, bot Arbeitsplätze für Gewerkschafter und wurde bald zu einer wichtigen politischen Anlaufstelle. Nach seiner Verhaftung durch die Nazis wurde Wilhelm Leuschner am 29. September 1944 in Plötzensee ermordet.

Willi Sänger
Er war bis 1933 Leiter der Leichtathletikabteilung des Fichte- Vereins. Der Kommunist und Sportfunktionär lebte mit seiner Familie in der Oppelnerstraße 44. Über sein Leben liegen wenig Informationen vor, auch seine politische Arbeit blieb weitgehend im Dunkeln. Willi Sänger wurde am 27. November 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet.Vor seinem Haus in der Oppelner Straße 44 wurde ein Gedenkstein für den Sportler in den Gehweg eingelassen.

Alfred Neumann
Er war ebenfalls Arbeitersportler, KPD- Funktionär und ein Freund von Willi Sänger. Durch seine sportlichen Leistungen als Zehnkämpfer war er im Kiez sehr bekannt. Alfred Neumann überlebte die Haft im Konzentrationslager.